Initiative gesund leben

Unser „Living Paper“ als Beitrag zum gemeinsamen Gelingen

2021-05-10_Das-Soziale-wirkt-wie-viele-bunte-Regenschirme_Logo

Wenn nach Ilona Kickbusch das Soziale die beste Medizin ist, dann braucht es zur nachhaltigen Abwendung bestehender Problemlagen über die zeitlich begrenzten Bemühungen eines Fonds Gesundes Österreich hinaus – Beispiel: Gemeinsam gesund Leben im Grätzel – ein Mehr an gemeinsamen Anstrengungen, insbesondere auf dem Gebiet der Primärprävention. Dies auch deshalb, weil es zur „Verbesserung der Gesundheit der gesamten Bevölkerung“ noch nie gereicht hat, vorwiegend „soziale und wirtschaftliche Chancenungleichheiten abzubauen.“ (Weltgesundheitserklärung, 1998)

Wir gehen daher davon aus, dass es neben einer verbesserten Koordination* der in den verschiedenen Fachbereichen Handelnden zusätzliche Aktivitäten braucht, die auf

  • gesetzliche Bestimmungen,
  • den unmittelbaren Lebenskontext und
  • die individuelle Ebene gleichermaßen einwirken.

Die Fülle unserer Erfahrungen zeigt uns, wie wir diese in den folgenden Themenfeldern ansetzen wollen:

Bildung & Erwerbsarbeit

2021-07-07_Tweet_Oekoenergie_Technologieoffenheit_Regulierungen-Verbote-InnovationCondorcets „Irrtum bestand darin, dass er die Anstrengungen unterschätzte, die unternommen werden müssen, um die Bevölkerung dauerhaft auf das Wissensniveau zu heben, das die Demokratie braucht, um gut zu funktionieren.“ (S 269) Per Molander an anderer Stelle: „Welche Rolle die Systeme im Verhältnis zueinander jeweils spielen, entscheiden wir bis zu einem gewissen Grade selbst, wenn wir die Gesellschaft und ihre Institutionen gestalten.“ (S 84)

Wohnen

Wir unterstützen „Anliegen und Vorschläge für leistbares, menschenwürdiges und bedürfnisgerechtes Wohnen“ wie zB jene, die im Rahmen einer Dialogveranstaltung von InterACT gegenüber Vertreter·innen der Grazer Stadtpolitik vorgebracht wurden. Hier einige Beispiele daraus:

  • Wohnen als Grundrecht verankern und bewusstmachen
  • Es braucht genügend menschenwürdige, günstige, niederschwellige, gemeinnützige und öffentliche Wohnungen bzw Wohnmöglichkeiten für Menschen in prekären Lebenslagenmit entsprechender Grundausstattung und Mietverträgen
  • Einrichtung eines runden Tisches mit Vertreter·innen der Wohnungslosenhilfe, der Politik und Wohnbauträgern als eine Grundlage dafür, damit in Zukunft die Politik mit sozialen Playern und Behörden ressortund parteienübergreifend in Zukunft besser zusammenarbeiten und Betroffene mit einbezogen werden können
  • Erhalt und Stärkung des kommunalen Wohnbaus – gesetzliche Rahmenbedingungen für sozialen und gemeinnützigen Wohnbau verbessern

Soziales Umfeld & Selbstermächtigung

Klaus Ott: „Wenn die Gesellschaft nicht zerfallen soll, müssen die Eliten ihre Wohlfühl-Blasen verlassen und sich den Bürgern stellen. Das gilt nicht nur für Politiker, sondern auch für Manager, Richter, Wissenschaftler, Ärzte oder Journalisten.“

  • Wir unterstützen die Forderungen der Armutskonferenz in ihrem Leitfaden Auf Augenhöhe, wie zB die „Einführung von Dialogforen mit ÄrztInnen, EntscheidungsträgerInnen und anderen Gesundheitsberufen. Armutsbetroffene kommen ins Gespräch mit AkteurInnen des Gesundheitssystems. Sensibilisierung für Erfahrungen und Anliegen Einkommensschwacher.“ (S 17)
  • Beschämungserfahrungen können zu Stress und gesundheitlichen Belastungen führen (S 7). Mitbestimmung ist ein gutes Mittel dagegen. Wir fordern daher die Mitsprache von Klient·innen (…) in sozialen Organisationen, bei Behörden und Ämtern (zB in Form von Beiräten) sowie in politischen Gremien bei der Vorbereitung von Gesetzen (S 18).
  • „Nachhaltige“ Schuldnerberatung einführen, denn gesundheitliche Probleme verschwinden auch oft mit den Geldsorgen

Was braucht es noch?

Zudem braucht es unser Engagement, um der Ungleichheit im Gesundheitssystem entgegenzuwirken, zB mittels

  • Psychotherapie und psychosoziale Notdienste
    erleichterter Zugang zu kostenloser Psychotherapie, Ausbau von Therapie- und Beratungseinrichtungen und psychosozialen Notdienste außerhalb der Ballungszentren
  • Prävention und Rehabilitation
    erleichterter Zugang zu präventiven Gesundheitsmaßnahmen wie Kuren etc., uneingeschränkter Zugang zu REHA-Maßnahmen
  • Finanzielle Unterstützung
    Unbürokratische finanzielle Unterstützung bei Behandlungen mit hohen Selbstbehalten (Zahnersatz, Regulierungen, etc.) sowie bei notwendigen Heilbehelfen (Hörgeräte, orthopädische Hilfen etc.)
  • Krankenversicherung
    Schließen der Lücken für Menschen ohne Krankenversicherung

Debatten über strukturelle Gewalt

Den konkreten Anpassungsschritten innerhalb bestehender Rechtssysteme vorgelagert sind die „strukturellen Gewaltverhältnisse“ (Galtung). Besonders deutlich wird dies im Vergleich von philanthropischen Kulturlandschaften mit jenen eines funktionierenden Sozialstaates.

Werner Ruf: „Nicht Kulturen sind entscheidend, sondern die Gleichheit aller und die Anerkennung ihrer Würde als Menschen. Solche Gleichheit setzt die – gleiche – Teilhabe an der politischen Gestaltung voraus. Genau an diesem Punkt entpuppt sich auch die unsägliche Debatte um die so genannte Leitkultur als nationalistisch-reaktionäres Konzept, das eben die Teilhabe am politischen leben, der res publica, unter Zuhilfenahme kulturalistisch-rassistischer Argumente zu verhindern sucht: Nicht die Zugehörigkeit zu einer ‚Kultur‘ ist entscheidend für die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Staat, sondern die Garantie der Ausübung gleicher politischer Rechte und gleicher Rechte in Bezug auf staatliche Leistungen. Voraussetzung hierfür ist die Anerkennung der ‚Anderen‘ im republikanisch-säkularen Staat.“ (Barbarisierung der Anderen – Barbarisierung des Wir, in: Rosa-Luxemburg-Stiftung [Hrsg.], Schöne neue Demokratie – Elemente totaler Herrschaft, Reihe: Texte / Rosa-Luxemburg-Stiftung; Bd. 39, Berlin: Karl Dietz, 2007, S 104 f)

2021-07-01_Suedwind-Magazin_Dossier-Genossenschaften_HansalimInsofern müssen wir uns auch um das partizipative Controlling von Gesetzen und Verordnungen bemühen als institutioneller Abwehrmechanismus gegenüber illiberalen Einflussnahmen.

Last but not least ist auf noch einen Aspekt hinzuweisen, der im Sinne präventiver Gesundheitsbemühungen zu berücksichtigen ist:

Hansalim, eine der „weltweit größten Genossenschaften für landwirtschaftliche Bio-Produkte“, zeigt seit Jahrzehnten, dass die integrative Verknüpfung der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) möglich ist.

Strukturell verankerte Solidarität kann Gewalt verringern helfen

Die Auswirkungen einer Politik, die ihr Augenmerk auf die Mitte der Gesellschaft konzentriert und dabei gleichzeitig diese sozioökonomisch erodieren lässt, erkennen wir „endlich“ im Ergebnis der Landtagswahl Thüringen 2019.

Offenbar waren die bisherigen politischen Kräfteverhältnisse, ausgehend von den bestehenden Institutionen, nicht dazu in der Lage, diesen Wahlergebnissen vorzubeugen. Dieser Befund trifft nicht allein auf Thüringen zu, jenes Bundesland, das am 5. Feb. 2020 eine überwunden geglaubte Geschichte wiederaufleben ließ. Birger Priddat nahm bereits 2017 darauf Bezug, indem er meinte, es brauche neue Instanzen (Institutionen sind der eigentliche Souverän, denn der „Wille des Volkes“ sei Hans Kelsen zufolge „ohnehin nur ein fiktiver“), die entsprechende Begutachtungen von Gesetzen durchführen (dürfen), um dem Gemeinwohl mehr politisches Gewicht zu verleihen. Jene Kräfte, die aus privaten Interessen heraus weiterhin dagegen arbeiten, haben Shoshana Zuboff zufolge eine Achillesferse: „Sie fürchten Gesetze.“

2021-07-03_Kurt-Remele_Es-geht-uns-allen-besserAnders beim Recht des Schwächeren; insbesondere dann, wenn bei dessen Entstehung auch die Interessen von allen im Inland lebenden Menschen – nicht nur mittels Änderungsvorschlägen abgefragt, sondern tatsächlich – berücksichtigt wurden („Partizipation„). Kurt Remele: „In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der französische Dominikaner Henri-Dominique Lacordaire dafür plädiert, das Recht als einen Verbündeten der Armen und Ausgegrenzten zu betrachten.“ (S 30)


2021-06-20_Uni-Bremen_carat_caring-all-together_Sonja-Bastin_Andrea-Schaefer

Anmerkungen

*|  Ilona Kickbusch: „Politik, Markt und Bürger müssen auf neue Weise zusammen wirken um nachhaltige Gesundheit zu ermöglichen.“

Die Koordination der Beteiligten kann beispielsweise im Rahmen einer jährlichen Konferenz (vgl. Kongress Armut und Gesundheit in Berlin) erfolgen oder auch in informellen, regelmäßig stattfindenden Meetings – die gesamte Bandbreite dazwischen ist genauso denkbar und willkommen.

In Neuseeland gibt es das Verfahren eines „Health Impact Assessment“, also einer Art Gesundheitsverträglichkeitsprüfung. Das ist ein interessantes Instrument, um Soziales und Gesundheit zusammenzudenken. Und Folgekosten zu vermeiden. Die Streichungen bei der Wohnbeihilfe beispielsweise in England führten zu einem zehnprozentigen Anstieg von psychischen Problemen bei Personen aus Niedrigeinkommenshaushalten. Wer die Situation von Mindestsicherungsbeziehern weiter verschlechtert, Arbeitslose statt Arbeitslosigkeit bekämpft, die Chancen im Bildungssystem blockiert oder den prekären Niedriglohnsektor vergrößert, der verschlechtert die Gesundheitssituation im Land. Sozialer Ausgleich ist eine gute Medizin.

Martin Schenk, in: Sozialer Ausgleich ist eine gute Medizin, 2021-06-16

Die ersten Versuche zur Etablierung einer Gesundheitsfolgenabschätzung (International auch als Health Impact Assessment bekannt) endeten vorerst mit einem Reflexions-Bericht im Jahr 2016.

Eine Untersuchung aus Norwegen, die „Nord Trondelag Health Study“ aus den Jahren 1995/97; zeigte, dass jedenfalls 50 Prozent der gesundheitlichen Ungleichheiten nicht im Gesundheitsverhalten der Menschen begründet sind. …
Bei genauerer Untersuchung der Daten zeigte sich, dass ein großer Teil der Unterschiede durch soziale Teilhabe (50 Prozent) und ein weiterer durch soziale Unterstützung (34 Prozent) begründet waren. Deutlich geringere Rollen spielten das Gesundheitsverhalten und die biomedizinische Ursachen für die Unterschiede in der Lebenserwartung.

Bettina Ottendörfer, in: Armut und Gesundheit, Linz, 2013, S 11 – im ÖGK-Archiv finden wir weitere interessante Artikel zu den Themenbereichen „Public Health“/“Health in All Policies“

2021-05-20_tweet_Arno-Niesner_Bruce-K-Alexander_Hyperkapitalismus-Sucht-sozial-bekaempfen„Um dem massenmedialen Image einer Wirtschaft, die von Profitmaximierung und ständigen Verstößen gegen ethische Normen geprägt ist, etwas entgegenzusetzen, muss man ein gesellschaftliches Wirken in positiv aufgeladenen Bereichen zur Geltung bringen. Die wichtigsten davon sind Forschung, Wohltätigkeit und Kultur.“

Per Molander
Condorcets Irrtum, 2021, S 148

2020-09-23 Umfrage von SOS-Kinderdorf unter Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen elf und 18 Jahren: „Die Frage, was einem Sorgen bereitet, wenn man an die eigene Zukunft denkt, beantworteten 78 Prozent mit Umweltverschmutzung, knapp dahinter ist mit 75 Prozent der Klimawandel. 66 Prozent sorgen sich wegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit in Österreich, 60 Prozent wegen der steigenden Armut im Land, …“

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2021-04-28 Volkshilfe-Umfrage zu Themen mit sozialpolitischem Handlungsbedarf
2021-05-12 Glauben wir an den sozialen Fortschritt (durch gelebte Solidarität)?
Conclusio: Radikale Solidarität ist möglich und damit ein gutes Leben für alle. Nach Platon sind es allein die „Philosophenkönige„, die dazu befähigt sind. Wie sonst, als durch die Zusammenarbeit mit großen Playern – zB im Bereich der Selbstverwaltung – können trotz massiver Widerstände Erfolge einer sozialen Politik für alle erzielt werden?


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